Shaolin Sesshin – wo äußere Kraft auf innere Ruhe trifft

Ein paar Totentänzer haben sich in ein Abenteuer der ganz besonderen Art gewagt: Alea (im folgenden Jörg) lud im Juli zum Shaolin Sesshin in den Japanischen Garten Kaiserslautern ein. Wir wollen uns dieser Herausforderung stellen und den Alltag eines chinesischen Kampfmönchs erleben. Von Kung Fu hat sicherlich jeder schon einmal gehört. Aber was steckt hinter dieser Kampfkunst und was gehört alles dazu, um sie zu meistern? In all das haben wir an diesem Wochenende einen Einblick bekommen und nehmen euch jetzt mit auf diese Reise.

Am Freitag starteten wir, nach einer kurzen Einführung, mit einer Teezeremonie, Rezitationen von buddhistischen Texten und einer Meditation. Begleitet wurden wir dabei von einem echten Zen Großmeister, Harry MiShō Teske Rōshi und seinem Schüler, Zen-Mönch und Leiter des Wochenendes, Heinrich DaiKan Kath. Zen kommt aus Japan und ist aus dem chinesischen Chan-Buddhismus entstanden. Genau diese gemeinsamen Wurzeln machen es zu einer sehr gute Ergänzung zum körperlichen Training und um den Alltag in einem Tempel nachzuerleben.

Dann ging Jörgs Part los. Wir begannen mit leichten Aufwärmübungen und liefen einige Runden durch den wunderschönen Garten, um anschließend in verschiedensten Positionen über die Wege und Stufen zu krabbeln, zu hüpfen oder zu rennen. Es war anstrengend, aber die ganze Gruppe zog mit und wir feuerten uns gegenseitig an. Nachdem der Körper jetzt schön warm und beweglich war, ging es an die ersten Shaolin Basics. Von nun an sind Ma Bu, Gong Bu und Pu Bu keine Fremdwörter mehr, denn sie beschreiben verschiedene Positionen, die man halten, oder in Bewegungen kombinieren kann. Mit jedem Durchgang wurden wir besser in den Techniken, merkten aber auch ganz deutlich die zwei Stunden Bewegung in den Muskeln. Da kam ein besonderer Punkt auf dem Plan genau richtig, das Mondo. Im Mondo sitzen alle in einer meditativen Haltung und in der Mitte des Raums liegt ein Kissen. Jeder der möchte darf sich darauf setzten und dem Großmeister eine Frage stellen. Diese beantwortet er dann auf eine Weise, die dem Zen entspricht. Manchmal direkter, manchmal mit einer Gegenfrage oder auch mal einem Schrei. Es ging aber in jedem Fall unter die Haut! Mit einer letzten Meditation wurde dieser erste Tag dann abgeschlossen.

Früh, früher, Kung Fu-Training. Um 05:50 trafen wir uns gemeinsam vor dem Tor des Japanischen Gartens und es ging direkt mit der ersten Sporteinheit des Tages los. Kaffee trinken zum Wachwerden kann jeder, wir machten Liegestützen, Sprints und nutzten Backsteine als Gewichte, um die Basic Übungen noch etwas mit Krafttraining zu kombinieren. Und was macht man nach einer anstrengenden Einheit am besten? Richtig, Meditieren. Deshalb ging wieder zurück auf das Kissen. Auch das anschließende Frühstück war ganz dem Zen verschrieben und wir liefen versunken in einer Gehmeditation zum bereits gedeckten Tisch. Gemeinsam rezitierten wir hier die passenden Texte und würdigten so das Essen. In Stille haben wir uns dann auf unser Frühstück konzentriert. Es war eine sehr besondere Erfahrung, sich wirklich auf jeden Bissen seines Essens zu fokussieren. Etwas, das man auch Zuhause definitiv mal ausprobieren kann!

Um nicht zu faul zu werden, ging es dann auch schon direkt mit der nächsten Kung Fu-Einheit weiter. Wir begannen mit Aufwärmübungen und einem Lauf durch den Park. Dann war es endlich so weit: Jörg zeigte uns eine Kung Fu-Form, die sich Wu Xing Quan (5-Tiere-Form) nennt und aus einer Abfolge verschiedener Bewegungen besteht, die unterschiedliche Tiere symbolisieren sollen. Das Ganze ist gar nicht so einfach und der ein oder andere Knoten wurde in Armen, Beinen oder im Kopf produziert. Mit der Zeit kamen wir immer besser in die Bewegungsabläufe rein und wir schafften es, den Tieren Leben einzuhauchen. Nach einem weiteren Mondo und einem Mittagessen in Stille war uns eine Mittagspause vergönnt. Direkt nach der Pause ging es mit San Da, dem chinesischen Kickboxen, weiter. Dort zeigte uns Shifu (Meister) Cane Huck die Grundlagen von Schlägen, Kicks und wie man verhindert, diese im Kampf abzubekommen. Zum Schluss gab es sogar noch eine kleine Einheit mit Freikampf, in dem wir unsere gelernten Techniken ausprobieren konnten.

Eines der ersten Dinge, an die man bei Kampfkünstlern denkt, ist sicher ihre Flexibilität. Wie diese zustande kommt, durften wir dann im Anschluss an das San Da-Training beim Dehnen erfahren. In verschiedensten Positionen dehnten wir den Oberkörper, Arme und vor allem die Beine. Nicht die angenehmste Erfahrung an diesem Wochenende, aber sehr wichtig für ein ganzheitliches Training und gleichzeitig eine gute Übung für den Geist, Schmerz auszuhalten. Der Großmeister hielt uns im Anschluss einen buddhistischen Vortrag, der sich Teisho nennt. In dem wird über die Lehre (Dahrma) gesprochen und z.B. ein Text erklärt. Nach einer weiteren Mediation ging es zum Abendessen. Abgerundet wurde der Tag mit einer kurzen Qi Gong-Einheit.

Der nächste Morgen startete wieder sehr früh mit einer Morgenzeremonie, wie sie auch in chinesischen Tempeln abgehalten wird. Das heißt eine Teezeremonie, Meditation, Rezitationen von buddhistischen Texten, ein weiteres Mondo und ein Frühstück in Stille. Natürlich darf der Sport auch an diesem Sonntag nicht fehlen und es geht mit Powertraining, Kung Fu-Basics und der Form weiter. Einen ganz besonderen Aspekt hat sich Jörg bis zum Schluss aufgehoben: Das Hard Qi Gong. Dabei wird der Körper mit verschiedenen Schlagtechniken auf bestimmte Punkte abgehärtet. Bei einer Übung standen wir zum Beispiel zu viert um eine Person herum und haben auf verschiedene Körperteile gleichzeitig geboxt. Das war neben den Stockschlägen auf Bauch, Arme und Beine eine ganz besondere Erfahrung. Das Ziel des ganzen dabei ist, sich seiner Angst zu stellen und den Schmerz aushalten zu können. Natürlich wird dabei sehr darauf geachtet, niemanden zu verletzen! Alle, die sich diesen Übungen gestellt haben, fühlten sich hinterher gestärkt und sind über sich hinausgewachsen.

An diesem Wochenende wurden definitiv unsere Grenzen gesprengt, sowohl körperlich als auch mental. Vielen Dank an Heinrich und Jörg für die Möglichkeit, das erleben zu dürfen. Auch der gesamten Gruppe, wollen wir für ihre Power und Unterstützung danken – wir kommen gerne wieder. Für das nächste Mal Powerhüpfen bei Mittelalter sind wir mit unserem gesammelten Chi auf jeden Fall gut gewappnet!

Nähere Infos zu den Sesshins und zukünftige Termine findet ihr auf den Profilen von Jörg @Alea_Saltatio und Heinrich DaiKan Kath @zenheinrichdaikan

Copyright Fotos by Michael Marx