Was für ein Zirkus! Dernière für den „Zirkus Zeitgeist“ in Wuppertal (04.03.2017)

Saltatio Mortis - Zirkus Zeitgeist Dernière

Sieben Jahre nach dem legendären „Wild und Frei“-Konzert zog es die Spielleute von Saltatio Mortis wieder zurück in die Historische Stadthalle zu Wuppertal. Ein prachtvoller, würdiger Rahmen für einen ganz besonderen Anlass: Das Dernière-Konzert der Zirkus-Zeitgeist-Tour stand an. Die Idee der im Vorjahr umständehalber wieder verworfenen Kombination mit Saltatio Mortis und echten Zirkuskünstlern wurde in anderer Form aufgegriffen und gipfelte in einem der wohl spektakulärsten Konzerte der bisherigen Bandgeschichte.

Dass dieses Konzert etwas ganz Besonderes sein würde, war den Fans bewusst. Das Wuppertaler Publikum zeigte sich in der rappelvollen Halle dann auch sehr gesittet und aufmerksam. Schon im vor der Halle auf den Einlass wartenden, sehr disziplinierten Pulk herrschte eine Atmosphäre freudiger Erwartung. Es waren auffällig viele Kinder im Vor-Teenageralter anwesend, deren Vorfreude („Wann fängt es denn endlich an?“) mitreißend war.

Für Verwirrung sorgte allerdings zunächst das etwas unkoordinierte Eingangsprocedere. Wurden die Tore zwar pünktlich um 19 Uhr geöffnet, ging es im Foyer zunächst einmal für niemanden weiter. So kam es durch das nachdrängende Publikum zu einer erneuten Durchmischung der Wartenden – wer zuvor tapfer stundenlang direkt vor der Eingangstür ausgeharrt hatte, hatte nun nicht mehr unbedingt die Nase vorn. Des Rätsels Lösung: Die noch laufende Probe eines Akkordeonorchesters im kleinen Saal der Halle bremste die Türöffnung für die Innenräume, so dass es kurzzeitig recht kuschelig würde.

Publikumsmassen, mal aus anderer Perspektive…

Wer die Gelegenheit zu nutzen wusste, hatte beim Vorverkauf bei der begrenzten Menge an Sitzplätzen auf der Galerie zugegriffen, in unmittelbarer Nähe von prächtigen Kronleuchtern und jeder Menge Stuck und Fresken. Sehr stilvoll! Die bei SaMo-Konzerten eher ungewöhnliche Möglichkeit, sich das Geschehen aus luftiger Höhe von oben anzuschauen, schaffte ungewohnte Perspektiven – zum einen der perfekte Bühnenblick, zum anderen das wohlige Erschauern, die dichtgepackte Menge im Innenraum von oben zu beobachten und sich zu fragen, wie man das sonst nur aushält. Ja, man wird dekadent. Aber ab einem gewissen Alter darf Fan das.

Ein fremdes Detail im gewohnten Bühnenbild fiel sofort ins Auge: Eine lange, von der Decke herabhängende Stoffbahn im Hintergrund. Er wird doch nicht?, fragte man sich unwillkürlich, nachdem es von Seiten des Frontflummis im Vorfeld des Konzertes mehrfach mysteriöse Andeutungen über Akrobatik-Unterricht gegeben hatte. (Die Kleewiese war zuvor schon von Schreckensvisionen eines einradfahrenden, dudelsackspielenden Nachwuchsakrobaten auf dem Drahtseil geplagt worden…)

Alea bringt Feuer

Die Spannung stieg, als der lieb gewonnene Gong ertönte und das Konzert begann. Die Setlist entsprach weitestgehend dem gewohnten Zirkus-Zeitgeist-Programm von der Tour. Eine bestgelaunte Band zeigte sich mit sichtlicher Spielfreude und den üblichen Performances rund um den wieder einmal stimmgewaltigen Alea. Das Lichtermeer bei „Maria“, die üblichen „Eure Hände“-Workouts, Mädels-gegen-Jungs-Nanana-Contest bei „Eulenspiegel“ und der einmal mehr erfolglose Versuch, mit bombastischen Pyro-Effekten eine Veranstaltungshalle abzubrennen – all das, was man von einem Saltatio-Mortis-Konzert erwartete, wurde geboten.

Aber diesmal gab es mehr: Einzigartig und nur bei diesem einzigen Konzert dabei: Echte Artisten, wie man sie in einem Zirkus erwartet.

Alea mit dem Duo Synergy

Da waren sie endlich: Die Clowns! Mit der Compagnia Due aus der Schweiz kam wohldosierter Klamauk und poetische Clownerie zum Tragen und lockerte den Konzertverlauf auf. Während die spätere Akrobatik-Nummern im laufenden Konzertprogramm absolviert wurden, hatten die Clowns – einer davon ausgesprochen relaxt – die Bühne für sich und griffen in einem Teil ihrer fast wortlosen Sketche gekonnt das Thema Musik auf, ob im Kampf mit einem Notenblatt oder auf der Jagd nach einem durch den Raum schwirrenden Ton.

Da sind die Clowns! Compagnia Due bringen Spaß auf die Bühne.

Zur allgemeinen Erleichterung stellte sich schließlich heraus, dass die textilen Aufbauten für Profi-Artisten da waren: Das Duo eMotion begeisterte mit einer romantischen Vertikalakrobatik-Nummer, während Alea – auf sicherem Bühnenboden – das Lied von der „Erinnerung“ vortrug. Der Sänger durfte aber doch noch zeigen, was er in seinem Akrobatik-Crash-Kurs gelernt hatte: Das Duo Synergy, das immer wieder zu den Songs atemberaubende Körperbeherrschung und grandioses Timing bewies, involvierte ihn in einen Teil der Kraftakrobatik-Nummern.

Duo eMotion bezauberten mit romantischer Akrobatik

Eine Schrecksekunde gab es trotzdem, als Alea sich – begleitet von den Clowns – später zum Crowdsurfen in die Menge wagte – und dort tatsächlich abstürzte. (Von oben betrachtet sah es aus, als sei er in einem Bällebad eingesackt – gruselig!). Gerüchten zufolge waren Personen in seiner Surf-Route mit ihren Handys abgelenkt und griffen nicht rechtzeitig zu. Woraus wir lernen: Exzessive Handynutzung auf Konzerten ist gefährlich! Etwas ramponiert, aber wohl nicht ernsthaft verletzt bestritt Alea in gewohnter Professionalität auch den Rest des Konzertes.

Kurz vor dem Sturz – Alea beim rituellen Crowdsurfing.

Nicht nur Zirkusartisten, sondern auch Musikkünstler gaben sie die Ehre zur Dernière: Mit Ingo Hampf von Subway To Sally an der dritten Gitarre gab auch eine Premiere: Erstmals wurde „Abschiedsmelodie“ live gespielt.

Gaststar Ingo Hampf (Subway to Sally), Luzi und ein paar Getränke…

Etwas unklar, wahrscheinlich aber ein Band-Insider oder eine Hommage an Herrn von Mümmelstein war hingegen die Aktion, bei der Luzi und Elsi plötzlich mit falschen Bärten auf der Bühne standen. Ein ausgelassenes Spiel mit einem riesigen Luftballon allerdings fand – mutmaßlich aufgrund allzu spitzer Fingernägel im Publikum – ein jähes Ende

Im Foyer gab es dann noch die Möglichkeit, sich in Form einer roten Clownsnase ein ungewöhnliches Souvenir zu sichern und zugleich Gutes zu tun: Zu Gunsten der „Roten Nasen“ – einer Klinikclown-Organisation – wurden die unverzichtbaren Accessoires verkauft. Dass am Ende die Spielleute ihren eigenen Merchverkauf sabotierten, indem sie ihn mit sich selbst und den obligatorischen Autogrammjägern nahezu unerreichbar zustellten, trübte die Begeisterung über den schönen Abend nicht. Wir waren Zeugen einer grandiosen Show in einem wundervollen Ambiente.

Das Ensemble feiert die erfolgreiche Vorführung.

Schade, dass mit dieser Show nun der letzte Vorhang für den Zirkus Zeitgeist gefallen ist. Aber die Totentänzer schauen optimistisch der Zukunft entgegen: Ein neues Album ist in Arbeit und es besteht kein Zweifel, dass Saltatio Mortis uns mit einem neuen spannenden Thema überraschen werden.

Compagnia Due

Duo Synergy

Duo eMotion