Klare Worte, starke Texte – Interview mit Lasterbalk

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Kenner des Werkes von Saltatio Mortis haben es sofort bemerkt: Bei den Lyrics auf „Zirkus Zeitgeist“ hat sich etwas am Ton geändert. Eine neue Direktheit und gesellschaftskritische Themen in einer auffälligen Häufung bestimmen den Charakter des Albums. Wie das kam und welche Gedanken sich dahinter verbergen, hat uns Lasterbalk der Lästerliche im Interview erklärt.

Der kleine Totentänzer

Der kleine Totentänzer: Was für Zirkuserinnerungen hat Klein-Lasterbalk? Warst du ein Clown-Fan oder gehörst du eher zu denen, die Angst vor Clowns haben?

Lasterbalk der Lästerliche

Lasterbalk der Lästerliche: Clown-Fan geht vielleicht ein bisschen weit, aber ich mochte Clowns gerne. Ich war ein großer Fan der Luft-Nummern, also Trapez und Luftakrobatik. Das hat mir am meisten gefallen, wobei die Clowns dann schon an zweiter Stelle kamen. Ich fand die schon sehr cool.

Der kleine Totentänzer

Der kleine Totentänzer: Wie stark sind das Schwarze Einmaleins und der Zirkus Zeitgeist im Rahmen eures Erebeum-Universums miteinander verbunden? Ist der Zirkus Ascensus der Zirkus Zeitgeist?

Lasterbalk der Lästerliche

Lasterbalk der Lästerliche: Spannende Frage, aber ich würde nein sagen. Natürlich hing die Idee mit dem Zirkus Zeitgeist auch mit der Beschäftigung mit dem Comic zusammen, aber die Comic-Welt bleibt ihr eigenes Universum. Der Zirkus Zeitgeist nimmt ganz deutlich Rückgriff auf unsere Zeit und unsere Welt, unsere Gegenwart und Realität. Man muss das also getrennt betrachten. Es ist eben auch eine neue Platte.

Der kleine Totentänzer

Der kleine Totentänzer: Zirkus Zeitgeist ist ein düsteres Album geworden. Gab es einen Auslöser für eine derart geballte künstlerische Auseinandersetzung mit so ziemlich allem, was im Augenblick auf der Welt im Argen liegt? Gab es einen Punkt, an dem ihr gesagt habt, jetzt muss es mal ganz was Ernstes sein?

Lasterbalk der Lästerliche

Lasterbalk der Lästerliche: Nein- ich sehe das überhaupt nicht so. Wir schreiben Platten immer auf eine andere Weise und gehen dabei von Ideen aus, die uns gerade beschäftigen. Letztendlich fällt kein Album aus dem heiteren Himmel. Auf der „Sturm aufs Paradies“ hatten wir „Fiat Lux“ drauf, das sich mit Atomkraftrisiko befasst hat, und das kurioserweise zu Zeiten von Fukushima. Das Lied war aber bereits geschrieben, als es in Fukushima zur Katastrophe kam. Wir hatten „Wachstum über alles“ auf dem „Schwarzen Einmaleins“. — Es ist eine Entwicklung. Neu an dem Album sind zwei Dinge, nämlich zum einen die Konzentration. Die schwereren Themen des Zusammenlebens sind in einer starken Gewichtung enthalten. Zum Anderen hat die Art der Texte sich verändert. Es gibt weniger Möglichkeiten, sich hinter Metaphern zu verstecken. Es war eine ganz bewusste Entscheidung, die Sprache direkter und unmissverständlicher zu wählen, wenn man sich mit diesen Themen auseinander setzt. Ich sehe das als einen logischen Prozess an und nicht so, als ob wir an einem Reißbrett sitzen und beschließen, jetzt ein düsteres oder zeitkritisches Album schreiben zu wollen. Wir haben dreißig, vierzig Songs für das Album geschrieben und festgestellt: Das ist jetzt die Auswahl, die wir in so eine Klammer packen wollen und die passt für uns zusammen.

Der kleine Totentänzer

Der kleine Totentänzer: Du hast es jetzt schon vorweggenommen: Die Sprache der Songs auf „Zirkus Zeitgeist“ ist viel direkter als auf den vorangegangenen Alben. Was steckte hinter der Abkehr vom mittelalterlichen Geschichtenerzählen zum modernen Klartext, von der Metaphorik zu moderner Sprache?

Lasterbalk der Lästerliche

Lasterbalk der Lästerliche: Mehrere Dinge. „Nachts weinen die Soldaten“ zum Beispiel. Man könnte diesen Text in einem x-beliebigen historischen Kriegs-Setting spielen lassen. Außer der Jahreszahl 1916 gibt es keinen Hinweis darauf, dass es der um den ersten Weltkrieg geht. Wir haben darüber diskutiert, ob man sich nicht an einer mittelalterlichen Schlacht orientieren sollte. Und genau das war der Punkt, warum ich unbedingt diese Referenz drin haben wollte: Ich sehe das Thema Krieg und die Verhinderung von Krieg als Anliegen, das uns jetzt und heute beschäftigt. Je weiter ich vom Leben und den Sprachbildern weggehe, von Dingen, die heute aktuellen Bezug haben, desto leichter ist es zu sagen, damals sei es eben so gewesen, heute sei alles besser. Diese Möglichkeit wollte ich sprachlich ausschließen. Deshalb ist die Sprache auch moderner geworden. Zum anderen ist für mich einfach ein spannendes neues Feld. Die Herausforderung für mich war, in diesem musikalisch gegebenen Universum und Kontext mit modernen Themen und moderner Sprache umzugehen. Das fand ich sehr spannend, und es werden bestimmt auch nicht die letzten Lieder mit einem modernen Text gewesen sein.

Der kleine Totentänzer

Der kleine Totentänzer: Ein weiterer Song, der den Nerv der Fans getroffen hat, ist gerade „Nachts weinen die Soldaten“. Wir gehören der selben Generation an: Weißt du, was dein Vater oder Großvater im Krieg erlebt haben? Wurde bei euch darüber geredet oder ist das ein großes nebulöses Feld für dich?

Lasterbalk der Lästerliche

Lasterbalk der Lästerliche: Das war sehr klassisch deutsch: Es wurde wenig darüber gesprochen. Meine beiden Großväter leben nicht mehr, den einen habe ich gar nicht kennen gelernt und beim anderen war ich noch zu jung, um die richtigen Fragen zu stellen. Mein Vater wurde bereits nach Kriegsende geboren, da wurden mehr oder weniger die Auswirkungen des Kriegs thematisiert. Ansonsten ist es ein wenig das Erleben des Tabus gewesen, das vermutlich in den meisten deutschen Familien existiert. Ich hab eine ungefähre Vorstellung davon, was meine Großväter, meine Großeltern im Krieg erlebt haben, aber keine sehr detaillierte.

Der kleine Totentänzer

Der kleine Totentänzer: Wie überrascht bist du vom Feedback der Fans auf einzelne Stücke? Gab es Reaktionen, die du nicht erwartet hättest oder Interpretationen, die ganz von der ursprünglichen Textaussage abrücken, oder war im Prinzip alles so wie beabsichtigt?

Lasterbalk der Lästerliche

Lasterbalk der Lästerliche: Es ist tatsächlich beabsichtigt, dass viele Texte nicht so viel Interpretationsspielraum lassen. Man merkt bei Texten, in denen mehr Spielraum drin ist, dass fleißig interpretiert wird. Damit habe ich mittlerweile zu leben gelernt. Ich denke auch, dass einigen Kritikern der Albumtexte sauer aufstößt, dass sie schlicht und ergreifend nicht mehr vor sich hinfabulieren können und hineinlesen, was sie hören oder sehen wollen. Ich bin da ein Stück weit präziser und sage die Dinge genau so, wie ich sie sehe. Was mich überrascht hat, war wie viele Leute den „Wir sind Papst“-Text nicht verstanden haben oder nicht verstehen wollen. Ich finde, da gibt es eigentlich gar nicht viel zu interpretieren, es ist auch keine spannende intellektuelle Leistung abgefordert, wenn man dem Text folgen will. — Generell ein bisschen zur Textkritik: Wenn jemandem die Art von einem direkten Text nicht gefällt, dann kann ich das ja durchaus verstehen. Wenn jemand sagt, „ich möchte aber gerne den nächsten großen Titan oder Gott in einem Text behandelt haben, sei es der Satan oder der Promotheus oder was auch immer, so etwas gefällt mir“ – das kann ich verstehen. Wenn jemand seine Lieblingslieder, rein textlich betrachtet wohlgemerkt, auf der „Asche“ oder einem noch früheren Album findet, dann gibt es sicherlich Gründe, die „Zeitgeist-Texte“ nicht zu mögen. Das ist dann eben so. Aber dann muss man mir zugestehen, dass ich mich eben weiter- oder auch in eine andere Richtung entwickle. Man muss nicht gekränkt sein und auch keine Schlammschlacht starten. Den Texten vorzuwerfen, sie seien platt oder handwerklich nicht gut, ist schlicht und ergreifend eine Unverschämtheit. Die einen oder anderen selbsternannten Kritiker verkennen ihre eigene Enttäuschung von einer Entwicklung, die sie so nicht wollen – wobei das aber auch nicht deren Entscheidung ist sondern unsere als Band. Das hat mich tatsächlich etwas geärgert: Jeder darf und soll natürlich seine Meinung äußern und sagen „xy gefällt mir aber besser“ – aber dann bitte fundiert und nicht so ein Quatsch, wie ich da teilweise lesen musste.

Der kleine Totentänzer

Der kleine Totentänzer: Ein besonders nahe gehender Song ist der „Todesengel“, in dem ihr die Geschichte der Eva Mozes Kor aufgreift. Hast du Kontakt zu Frau Kor gesucht, bevor du ein Lied über sie, also eine lebende Person des Zeitgeschehens, geschrieben hast? Weiß die Dame davon, oder wie bist du da vorgegangen?

Lasterbalk der Lästerliche

Lasterbalk der Lästerliche: Wir sind tatsächlich seit anderthalb Jahren dabei, Kontakt zu Frau Kor herzustellen. Das ist aber leider nicht ganz so einfach. Wir haben sogar eine professionelle Lyrikübersetzerin engagiert, die den Text nach meinen Vorgaben so übertragen hat, dass er auch lyrisch-englisch funktioniert. Wir haben das an die Adressen geschickt, die wir von ihr und ihrer Stiftung gefunden haben, aber letztlich weder von ihr, ihrem Verlag oder ihrer Stiftung bisher Reaktionen bekommen. Das finden wir sehr schade, aber letztendlich ist es halt so. Es ist aber auch nicht dramatisch, es ist ein veröffentlichtes Buch, es sind veröffentlichte Geschichten und Zitate. Natürlich kann ich die in einem Songtext verwenden.

Der kleine Totentänzer

Der kleine Totentänzer: Der regelmäßig aufkommenden Nörgelei in der Fangemeinde setzt ihr prophylaktisch den Song „Geradeaus“ entgegen. Der Text liest sich wie ein wütendes Gegenstück zum „Spielmannsschwur“. War das so beabsichtigt?

Lasterbalk der Lästerliche

Lasterbalk der Lästerliche: Ja, das kann man schon so sehen. Wie ich gerade schon beim kurzen Ausflug in die Textkritik erwähnt habe, finde ich es völlig richtig und wichtig, wie einige Fans ihren „Unmut“ zum Ausdruck gebracht haben. Wenn ich sinngemäß lese: „Ich verfolge euch seit zehn Jahren, dies und jenes sind meine Lieblingssongs und Lieblingsplatten. Das ist das, was ich von euch gern möchte und deshalb habe ich euch gern gehört, und deshalb mag ich diese und jene Songs der neuen Platte jetzt nicht mehr. Ich wünsch euch alles Gute, höre mir das in zwei oder drei Jahren noch mal an und hör auch in die nächste Platte mal rein, mal hören, wie ihr euch weiterentwickelt. Ich mag euch ja als Band immer noch, aber das ist einfach nicht mein Album“ – dann ist das blöd, denn natürlich will man von soviel Menschen wie möglich gemocht und auch gehört werden. Aber das geht mir ganz genauso. Ich hab in meinem Leben mehrere Bands eine Weile verfolgt und dann aus irgendwelchen Gründen aus den Augen verloren. Wenn mir ein Album nicht mehr gefiel, habe ich mal ein, zwei Alben ausgelassen, bin dann wieder dazu gekommen und habe festgestellt, dass das was sie in der Zwischenzeit gemacht haben, gar nicht schlecht war. Das ist halt Leben. Was ich aber überhaupt nicht abkann sind dann, im Gegensatz dazu, Fans, die dann ihre Kritik wie folgt formulieren: „Ich hab euch jetzt jedes Jahr hundert Euro nachgeschmissen, jede Platte und das T-Shirt und ich war auf dem Konzert und jetzt macht ihr so was – wollt ihr eigentlich kein Geld mehr von mir?“ — Was? Was ist dass denn bitte für eine Logik? Weil jemand begeistert fünf Jahre Produkte von uns gekauft und Geld ausgegeben hat und damit glücklich war, kauft derjenige damit Anteilsscheine an der Lasterbalk-AG, sitzt im Aufsichtsrat und darf mitentscheiden, wie die nächsten Texte sind? Das ist eine Denkweise, die mir einfach zuwider ist. Irgendwo in einer Review habe ich gelesen – und sehr lachen müssen – wie jemand schreibt „„Wir haben den Spielmannschwur gebrochen“ – Ja, habt ihr! Ausrufungszeichen!“. Nach fünfzehn Jahren Öffentlichkeit hab ich keine Lust mehr, da geht es mir richtig gegen den Strich, wie Leute mit uns umgehen. Das ist nicht fair, das gehört sich einfach nicht. Nur weil wir in der Öffentlichkeit stehen heißt das nicht, dass so grundsätzliche Benimmregeln – und die beginnen nun mal mit einer einigermaßen höflich gewählten Sprache – nicht eingehalten werden. Dass man uns beschimpfen darf, nur weil das Internet und der Soziolekt dort so funktionieren heißt das nicht, dass ich das so akzeptieren werde. Auf den Text von „Geradeaus“ gab es eine ganze Menge herbe Reaktionen. Ich bin gar nicht sicher, ob es da nicht noch mal einen zweiten Text zu geben wird. Witzigerweise regen sich einige Leute nach dem Motto auf, „Saltatio teilt aus, also muss Saltatio auch einstecken können“. Wir stecken seit fünfzehn Jahren ein, und das ist das erste Lied dazu.

Der kleine Totentänzer

Der kleine Totentänzer: In Zirkus Zeitgeist gibt es verschiedene Momente, in denen ihr euch explizit von „Rechtsaußen“ distanziert. Das ist einerseits natürlich ein weiteres Zeitgeist-Thema, aber bestand da auch eine direkte Notwendigkeit? Habt ihr Publikumszuwachs aus unerwünschter Richtung bemerkt?

Lasterbalk der Lästerliche

Lasterbalk der Lästerliche: Letztendlich ist diese ganze Diskussion „Saltatio und rechts“ absolut sinnfrei – wer allen Ernstes in mir einen Nazi sehen will, dem kann ich echt nicht helfen. Das ist so lächerlich, das kann ich einfach nicht ernst nehmen. Und die verzweifelten Versuche, im Internet rumzutrollen sind mir wirklich mittlerweile gleichgültig. Die Distanzierung von rechts ist aber ein ganz anderes Thema. Ich habe mit mehreren Gesprächspartnern, vom Bandumfeld bis hin zu den Produzenten spannende und auch sehr kontroverse Diskussionen zum „Augen zu“-Text geführt. Dabei kam als Argument: „Ja, wo sind denn deine braunen Horden, von denen du da singst?“ Zu dem Zeitpunkt, wo wir die Platte gerade geschrieben oder eingespielt haben, war das durchaus eine berechtigte Frage. Und ich hab mir tatsächlich mehrmals die Frage gestellt, ob ich Gespenster sehe und irgendwelche Schatten male, die gar nicht mehr existieren. Jetzt schau ich mir die Nachrichten an und stelle fassungslos fest, wie viele „besorgte Bürger“ auf den Straßen irgendwelche Parolen schreien, die sie nicht reflektieren, die ihnen von den braunen Hintermännern in den Mund gelegt werden. Da sind meine braunen Horden, und der ganze Text ist aktueller denn je. Leider, wirklich leider.

Der kleine Totentänzer

Der kleine Totentänzer: Welcher der neuen Songs ist dir persönlich am wichtigsten und warum?

Lasterbalk der Lästerliche

Lasterbalk der Lästerliche: Ich mag alle, sonst wären sie nicht auf der Platte. „Augen zu“ ist ein Text, der mir wichtig ist, gerade weil er wieder einmal Aktualität hat, ganz furchtbar ist. Ich fand die Reaktionen auf unsere Flüchtlings-Themen teilweise so etwas von widerwärtig – ich habe mir, solange ich es ausgehalten habe, die eine oder andere Seite im Internet angeschaut, wo irgendwelche Menschen ihre Parolen schwingen können. Ich denke, das geht nicht! — Ich finde auch, „Wir sind Papst“ ist ein sehr schöner Song, wenngleich natürlich offenbar schwer zu verstehen und schwer zu begreifen. „Nachts weinen die Soldaten“ ist für mich ein sehr wichtiger Song auf der Platte. (seufzt) Ich denke, es ist sehr wichtig, dass Menschen sich wieder mit dem Thema Krieg beschäftigen, in dem Sinne, wie schlimm das ist und wie viel Kraft man aufwenden muss, damit es nicht wieder so weit kommt. Wir können gar nicht genug Anti-Kriegs-Songs haben und nicht früh genug beginnen, Jugendliche mit dem Thema Krieg zu konfrontieren, so dass sie es eben nicht cool finden. Ich finde mittlerweile auch die ganze Shooter-Thematik schwierig. Ich bin selber begeisterter Zocker und habe gerade eben einen Artikel über eine neue Shooter-Simulation gelesen, mit virtueller Brille und allem drum und dran. Ich guck mir das an und denke mir, was da nachgespielt wird, das ist nicht cool! Ich denke, es ist wichtig, solche Punkte zu setzen wie bei „Nachts weinen die Soldaten“. Und dann finde ich persönlich es schön, dass es „Abschiedsmelodie“ mittlerweile als Song gibt und nicht nur als Text. Es hat ja lange genug gedauert, bis Text und Melodie zusammengefunden haben.

Der kleine Totentänzer

Der kleine Totentänzer: Kaum ist der Spot zum Album im Fernsehen und ein Auszug in einem Fußball-Trainer verarbeitet, hängen die „kommerzfeindlichen“ Fans vor der Mattscheibe und feiern Werbeblöcke. Amüsiert euch das?

Lasterbalk der Lästerliche

Lasterbalk der Lästerliche: Nein. Auch da muss ich sagen… im Großen und Ganzen hat mich die Dummheit der Reaktionen auf die Platte schockiert. Ich muss noch ein bisschen mit mir ringen, bis ich dazu was sagen kann. Es war klar, dass der Kommerzvorwurf kommt. Aber wie weit das von der Realität weg ist, das kann ich gar nicht in Worte fassen.

Der kleine Totentänzer

Der kleine Totentänzer: (versucht mehrfach vergeblich zu unterbrechen)

Lasterbalk der Lästerliche

Lasterbalk der Lästerliche: Es gibt einen NDR- Sendechef, der sagt, „solange ich hier in meinem Chefsessel sitze wird hier keine Band auftreten, die einen Dudelsack spielt“. Die MDR-Chefin sagt, „diese Musik ist nicht mehrheitsfähig in meinem Sender“. Ich kann diese Zitate weiter und weiter führen. Wenn eine Band in den großen Format-Fernsehsendern nicht gespielt wird, liegt es ganz offensichtlich daran, dass das Senderestablishment auf diese Art von Musik keinen Bock hat. So einer Band Kommerz vorzuwerfen, das ist einfach nur lachhaft! Was ist denn daran Kommerz, wenn keiner der Mainstreamsender uns spielt? Und zum Thema Werbeblöcke – meine Güte, wo ist denn der Unterschied zwischen einem Werbe-20-Sekünder und einer Anzeige in der FAZ?

Der kleine Totentänzer

Der kleine Totentänzer: Ich glaube, wir reden gerade ein wenig aneinander vorbei. Meine Frage ging dahin, dass kaum, dass der Spot im Fernsehen war, auf Facebook alle paar Minuten jemand postete „ich hab ihn gesehen“ und die Leute in Ekstase gerieten, obwohl es ja nur ein Werbespot und nicht einmal ein richtiger Auftritt war. Das war komisch. Die Frage war, wie ihr das wahrgenommen habt.

Lasterbalk der Lästerliche

Lasterbalk der Lästerliche: Ich hab das nur in meiner Peripherie wahrgenommen. Ich freue mich, wenn Leute die Spots sehen. Das heißt ja, in irgendeinem Sendeplan hat jemand die an der richtigen Stelle geschubst. Aber das Thema wird viel zu hoch aufgehängt. Tatsächlich finde ich es schade, dass wir so viel darüber reden und nicht über die Dinge, die wir ansprechen wollen. Ich habe im Laufe des Zirkus Zeitgeist sehr gute Interviews geführt wo ich gedacht habe, da hat sich jemand mit der Platte beschäftigt und die richtigen Einsichten oder Fragen gehabt oder sich selbst auch mal erwischt gefühlt. Und dann gibt es auch ganz viele Gespräche, wo es um Vermarktungsdinge geht. Und da stelle ich immer mehr fest, dass ich immer weniger Lust habe, da etwas zu sagen, weil es so zweitrangig ist. Letzten Endes geht es doch um die Musik, die wir machen.

Der kleine Totentänzer

Der kleine Totentänzer: Es gibt von einem sehr berühmten Musikerkollegen ebenfalls ein Lied, das fragt „Where are the clowns“. Hattet ihr beim Songwriting irgendwann mal an Frank Sinatra gedacht?

Lasterbalk der Lästerliche

Lasterbalk der Lästerliche: Nein, ich nicht. Aber „Send in the Clowns“ kenne ich natürlich. Ich glaube, ich habe vor Jahren eine Textinterpretation gelesen. Ist das nicht ein Trennungslied? Wo sie gar nicht kapiert, was passiert und sagt, jetzt muss doch gleich mal jemand die Clowns um die Ecke schicken? Das fand ich sehr spannend, aber wie du jetzt gerade an der Reaktion merkst, hatte ich das nicht auf dem Schirm. Na klar, das Bild ist natürlich das gleiche, aber ich hab daran nicht gedacht.

Der kleine Totentänzer

Der kleine Totentänzer: Interpretierst du denn euer „Wo sind die Clowns“ als einen Aufruf zum Nicht-Allzu-Ernst-Nehmen der Realität, wenn gefragt wird „Wo ist der Spaß auf dieser Welt“, angesichts der medialen Berieselung und den allgegenwärtigen Katastrophen – und das im Kontrast zu den eher problembehafteten Plots der übrigen Songs?

Lasterbalk der Lästerliche

Lasterbalk der Lästerliche: Tatsächlich ist es vordergründig ein bisschen Widerspruch, die Platte mit „Wo sind die Clowns“ zu starten und dann sehr viele Lieder mit düsterem Hintergrund zu schreiben. Auch darüber haben wir diskutiert. Aber letztendlich kann man tatsächlich sagen, „wir brauchen mehr Clowns“, denn „Zirkus Zeitgeist“ macht eine Bestandsaufnahme vom „Ist“ . Im Moment fehlen mir die Clowns. Ich hab mich beim Songwriting ganz bewusst bemüht, den einen oder anderen witzigen Song einzustreuen. Es geht auch gleich mit der „Weihnachtszeit“ weiter, was ja einfach nur ein Spaß-Lied ist. Dazu wiederum hab ich Kritiken gelesen, über die ich einfach nur den Kopf schütteln kann. „Ist euch Weihnachten so wichtig, gibt es nichts anderes auf dieser Welt, was man kritisieren kann?“ Doch! Natürlich! Das tun wir ja auch. Der ironische Seitenhieb auf die Weihnachtsvermarktung ist genau das: Ein ironischer Seitenhieb, über den man lachen kann. Ich stehe bestimmt nicht im Supermarkt und werfe mich auf den Boden und schlag mit den Fäusten in ein Regal und werde mich auch nicht vor den Aldi ketten, damit die keinen Lebkuchen im August mehr anliefern können. Aber offensichtlich ist die Art vom Humor auch nicht jedem gegeben. Ich finde persönlich auch, „Geradeaus“ ist ein sehr lustiger Text, auch wenn den andere Leute bestimmt anders sehen. Ich hab mich über die Verwendung unserer eigenen Songzitate beim Texten schon sehr amüsiert. Und auch beim Lesen und selbst beim Einspielen gab es immer wieder Situationen, wo es einfach komisch war. Ja, ich finde den Text durchaus witzig. So sehen wir natürlich die Sache, aber sicherlich ist es ein Text, bei dem man lachen kann wenn man sich ein bisschen drauf einlässt.

Der kleine Totentänzer

Der kleine Totentänzer: Wir bedanken uns herzlich für das Interview!