Wenn Spielleute den Strom abschalten – ZZ „Ohne Strom und Stecker“

Coverartwork ZZ - OSUS

Coverartwork ZZ – OSUS

„Back to the roots“, fordern einzelne Fraktionen in der Fangemeinde von Zeit zu Zeit und meinen dabei nicht musikalische Regresse im Sinne von „Früher war alles besser“ , sondern „Macht doch mal was ohne elektrisch verstärktes Instrumentarium“. Saltatio Mortis, immer für unerwartete Überraschungen gut, haben das Experiment gewagt und präsentieren die Songs des aktuellen Albums „Zirkus Zeitgeist“ in einer Unplugged Version – und überzeugen damit auf ganzer Linie. Fest steht: Sollte jemals ein Stromausfall ein Saltatio Mortis Rockkonzert heimsuchen, die Jungs wären prima darauf vorbereitet

 

Unglaublich, wie unterschiedlich die bekannten Songs in den neuen „Ohne Strom und Stecker“-Variante klingen. Nicht nur aparte Details wie mehrstimmige Gesangsparts und ausgefeilte Dudelsackpassagen werden in der „unverstärkten“ Fassung hörbar. Der klangliche Akzent liegt hier deutlich auf den Instrumenten, die in den Rock-Inszenierungen gelegentlich etwas in den Hintergrund zurücktreten; zugleich transportieren Saltatio Mortis einen Teil der Songs in gänzlich andere Musikstile und sorgen so nicht nur für neue Arrangements, sondern erfrischende Neu-Interpretationen des Materials. Der durchgehend intime, warme Sound und die meist sehr relaxte Vortragsweise sowohl seitens Alea als auch der Instrumentalisten begeistern. Durch den Unplugged-Rahmen, sehr stilvoll und charmant umgesetzt auch in dem „Wohnzimmer-Setting“ der bislang vorgestellten Videos zu „Maria“ und „Des Bänkers neue Kleider“ entsteht ein sehr fein differenziertes Klangklima, das mit warmem, reduzierten Sound einen beeindruckenden Kontrast zu den lauten, manchmal bombastischen Rock-Klängen setzt, die wir von Saltatio Mortis gewohnt sind. Zusammengefasst: Ein Album, das einen packt und begeistert – und, je nach Stimmung, die Inhalte des „Zirkus Zeitgeist“ zum hemmungslosen abrocken (in der Sommer-Version“ oder eher entspannten Musikgenuss in den heimischen vier Wänden versetzt. Letzteres genau passend zur kuscheligen Winterzeit.

 

Auf die Lyrics der einzelnen Songs bin ich bereits in der Rezension zur Rock-Platte eingegangen. Daher hier nu in kurzen Stichworten der Akzent auf dem, was klanglich geboten wird. Anzumerken ist lediglich, dass es keine Akustikversion von „Augen zu“, „Mauern aus Angst“ und „Abschiedsmelodie“ gibt.

 

Auch auf „Ohne Strom und Stecker“ eröffnen die Zirkus-Zeitgeist-Hymne: „Wo sind die Clows“ das Album. Die akustischen Clowns leben vom Schlagzeugbeat und dem Dudelsack, kommt etwas zahmer daher als das „verstärkte Original“, ist aber sofort wiederzuerkennen und macht richtig Spaß..

 

Willkommen in der Weihnachtszeit“ – mit Ukulele – verbreitet allerbestes-Südsee-Ferien-Feeling – und damit alles andere als Weihnachtsstimmung – charmanter Humor a la Saltatio Mortis und der erste Ausflug in ein unerwartetes Genre. Absoluter Anspieltipp!

 

Bei „Nachts weinen die Soldaten“ tragen Dudelsack und Schlagzeug die Melodie, schön kontrastiert mit den Gitarrenriffen und einem spannungsaufbauenden Sound zu Aleas sehr expressivem, zur Message des Liedes passendem mal emotional anschwellendem, dann wieder resigniert tönenden Gesang. Sehr schön und anrührend umgesetzt.

 

Des Bänkers neue Kleider“, der Song, der mich persönlich auf der Rock-Platte am wenigsten mitreißen konnte, ist auf „Ohne Strom und Stecker“ schlichtweg genial. Die Konzentration auf den klar artikulierten Text fällt hier viel leichter und erlaubt eine viel bessere Beschäftigung mit dem in starke Sprachbilder verpackten Text. Klavier, Drehleier, Dudelsack und Schlagzeug bilden dazu eine ungewöhnliche, unaufdringliche und dabei treibende Kombination.

 

Mit schönen langen Gitarrenpassagen, gefühlvollem Textvortrag, dezentem Schlagzeug und Spannungssteigerung, baut sich die traurige Geschichte von „Maria“ auf, ohne dabei zu sehr aufzubrausen. Die Stimmung ist eher anklagend-traurigen denn wütenden-energiegeladen. Eine Version, die ganz andere Stimmungs-Saiten anschlägt..

 

Eine der größten Überraschungen: „Wir sind Papst“ ist auf „Ohne Strom und Stecker“ nun keine fröhlich-freche Punk-Hymne mehr, sondern präsentiert sich als grooviges, rhythmisch-melodisches Gitarren-Meisterstück, mit Anklängen an den Sound von Santana. Ein Songs, der einen ganz neuen Aspekt der Bandbreite von Saltatio Morts zeigt.

 

Fröhliches „irisches“ Folk-Gedudel leitet „Geradeaus“ ein – Alea swingt in seinem Gesangspart munter mit, dazu bekommen wir den Saltatio-Männerchor geboten – sehr, sehr schön und im Sound optimistisch beschwingt und mitreißend statt aggressiv-rockig. Ein „Geradeaus“, das positiv klingt und auf viele neue Überraschungen in der Zukunft einschwört.

 

Erinnerung“ – so viel Emotion, so viel Gefühl und eine so schöne Darbietung der wunderschönen Musik… hach. Ohnehin handelt es sich bei diesem Titel um einen der berührendsten Titel. Mit filligranen Details wie Flötenparts und den Instrumentenpassagen, die hinter dem Gesang ineinander überfließen und sich zu einem tollen Sound vereinen. Ein Lied, eine Version, die einfach nur schön ist.

 

Beim „Trinklied“ swingt Alea sich durch die „Vorsicht-vor-dem-Alkohol“-Hymne. Auch hier ist das Tempo gegenüber der Rock-CD etwas zurückgenommen, Gitarre und das Ensemble im Refrain – mitreißend und kraftvoll. Ein weiterer Hinhörer aus der Unplugged-CD.

 

Der „Rattenfänger“ bietet Balkanrhythmen pur, eines der fetzigsten Lieder auf Ohne Strom und Stecker, zum Abtanzen. Lasterbalk geradezu entfesselt am Schlagzeug. Ein schöner Kontrast entspinnt sich zwischen der heftigen Rhythmusgitarre und schwebendem Dudelsack.

 

Mit Kinderstimmen in „erwachsener“ Musik kann viel schief gehen. Beim „Todesengel“ tritt eine hervorragende junge Gesangspartnerin für Alea in Erscheinung und macht ihre Sache ausgezeichnet. Ein kräftig instrumentiertes Stück, das die bedrohliche Stimmung des Originals im Kontrast mit dem emotionalen Refrain schön aufbereitet. Eines der lauteren Stücke durch den hier sehr kräftigen Dudelsack und den harten Rhythmus.

 

Bei der „Vermessung des Glücks“ ist wieder das Schlagzeug dominant, Alea verfällt stellenweise beinahe in Sprechgesang. Auf hier fällt die Konzentration auf den Text etwas leichter als bei der Rockplatte, so dass der Hörer aus beiden sich ergänzenden Versionen noch mehr für sich herausholen kann.

 

Der „Gossenpoet“ beginnt mit leichtfingrigem Gitarren-Pickig zu Aleas Gesang, um dann in muntere Akkorde, unterstützt vom treibendes Schlagzeug überzugehen. Die Stimme und der Dudelsack harmonieren schön. Der Refrain verführt zum Mitsingen. „Gossenpoete“, ein Gegenstück zum älteren „Wieder unterwegs“ gibt sich auch im Textteil wieder etwas „oldschool“ bezüglicher der spielmännischen Metaphern – ein schöner Abschluss für ein Werk, mit dem Saltatio Mortis beweisen, dass hervorragende Arrangements und ausgezeichnete Musik gänzlich stromunabhängig sind.:

 

Für alle, die sich für die „Deluxe“-Version von „Ohne Strom und Stecker“ entschieden haben, gibt es – genau rechtzeitig zur Adventszeit ein besonderes Schmankerl: Eine Bonus CD mit Weihnachtsliedern.

 

Sieben an der Zahl sind es, wobei drei – „Willkommen in der Weihnachtszeit“, „Maria“ und das altehrwürdige geistliche „Gaudete“ als Classic-Rock-Nummer inklusive E-Orgel – schon von der Original-Version von „Zirkus Zeitgeist“ bekannt sind. Werfen wir also noch einen Blick auf die vier neuen Titel.

 

Mit „Morgen Kinder wird nichts geben“ hat Erich Kästner mit spitzer Feder und bitterem Ton ein sarkastisches Gedicht über soziale Benachteiligung, Armut und Bigotterie geschrieben. Nun gibt es eine düster-rockige Vertonung davon von Saltatio Mortis – großartig! Wütender, aggressiver Rock mit viel Dudelsack und ein Stück, dass– wäre da nicht in den Bildern fixierte „Saisonabhängigkeit“ – eine ganz große Nummer auf „Zirkus Zeitgeist“ gewesen wäre.

 

In „Alle Jahre wieder“ wird es bissig: Alea besingt den Weihnachtsfrust inklusive Konsumkritik und den alljährlichen Unfrieden unterm Christbaum zu einer bizarren Melange aus Blockflötengedudel und Speedpunk. Inhaltlich geht der Titel ein wenig in die Richtung von „Willkommen in der Weihnachtszeit“, musikalisch ist es eine amüsante Persiflage es des altehrwürdigen, aber zum Kitsch verkommenen Weihnachtslieds, inklusive exzessiver „Lalala“- Phrase zum Mitgrölen.

 

Aber Saltatio Mortis machen sich mitnichten nur über die schöne heile Weihnachtswelt lustig: „Als die Waffen schwiegen“ – verarbeitet das legendäre Ereignis an der Front im Ersten Weltkrieg 1914, als sich britische und deutsche Soldaten im Zeichen des Weihnachtsfest in einem Waffenstillstand begegneten. Die ohnehin schon bewegende historische Begebenheit, wird von Alea gesanglich emotional packend in Szene gesetzt. In diesem Lied verweisen Saltatio Mortis, im Kontrast zu den konsumkritsch gehaltenen Songs die wahre Bedeutung und Symbolik des Weihnachtsfestes. Doch der Frieden kann nicht von Dauer sein, der Krieg geht weiter – nur Weihnachten hat alle im Frieden für einen Moment vereinigen können. Wie es endete, ist allgemein bekannt.

 

Mit ihrer Version von „Last Christmas“ – einer sehr „gefühlvolle“ Speed-Rockfassung mit Distortion –Elementen – gelingt Saltatio Mortis eine Wiederbelebung des alljährlichen „Ich-kanns-nicht-mehr-hören“-Klassiker von Wham aus den goldenen achtziger Jahren. Eine witzige Neuinterpretation, die als alternative musikalische Untermalung sicherlich manches Weihnachtsfest begleiten wird.

 

Fazit: „Ohne Strom und Stecker“ ist nach Meinung der Redaktion ein Must-Have für jeden Fan; Hardcore-Anhänger der Metal-Rock-Linie sollten sich aber im Klaren sein, dass es hier gänzlich andersartige Töne von Saltatio Mortis auf die Ohren gibt.