„Es gibt kaum etwas besseres, als eine inspirierende Zusammenarbeit“

Ein Interview mit Fantasyautor Torsten Weitze über Weltenbau, Fanliebe und musikalische Glücksmomente

Torsten Weitze, 1976 in Krefeld geboren, hatte schon früh eine große Leidenschaft: das Lesen. Es waren vor allem fantastische Geschichten, an die er sein Herz verlor und aus denen er nie so ganz zurückgekommen ist. So bewegte er sich bereits mit seiner Ausbildung zum Verlagskaufmann auf der vertrieblichen Ebene der Buchbranche und auch der Einstieg in das Familiengeschäft und die spätere Übernahme der Geschäftsleitung hielten ihn nicht davon ab, sich weiter intensiv mit Literatur zu beschäftigen. 2017 erschien mit „Ahren“ der erste Band seiner Reihe „Der 13. Paladin“ und seitdem entführt er seine Leserinnen und Leser regelmäßig in ferne Welten voller Abenteuer und Magie. Der neueste Streich heißt „Der Prinz von Staub und Schatten“; darin begleitet man den jungen Prinzen Tarikh al Sal-ka-Nar auf der Reise aus dem Exil zurück in seine Heimat Aun-Mal, einem sagenumwobenen Wüstenreich, um dieses wieder zu einem friedvollen Land zu machen. Man ahnt, dass das Unterfangen kein leichtes wird und bereits im ersten Band „Heimkehr“ müssen sich Tarikh und seine Gefährten einer gefahrvollen Situation nach der anderen stellen und behaupten. Besonders spannend daran ist jedoch, dass auch Torsten auf dieser Reise einige Begleiter an seiner Seite hat – niemand Geringeren als unsere sechs Spielleute von Saltatio Mortis, die das Projekt parallel zu den Büchern musikalisch begleiten. Wir hatten das große Vergnügen, mit Torsten über dessen neueste Reihe zu sprechen und ein paar exklusive Ein- und Ausblicke auf das Projekt und den weiteren Verlauf zu erhalten.

Lieber Torsten, vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, um dich unseren Fragen zu stellen. Die meisten Fans von Saltatio Mortis kennen dich bereits vom Projekt „Finsterwacht“, welches 2024 unter der Zusammenarbeit mit dir, Bernhard Hennen und dem Ulisses Verlag entstanden ist. Ihr beide habt den Roman „Die Feuer der Finsterwacht“ beigesteuert, einen Einzelband aus dem Kosmos von Das Schwarze Auge. Nun befinden wir uns mit „Der Prinz von Staub und Schatten“ auf einer Reise durch deine eigens erschaffene Welt Deatril, die du erstmalig in „Sturmfels Akademie“ vorstellst. Beide Reihen laufen unter dem übergeordneten Kosmos „Die Streitenden Götter“. Wie entsteht ein Projekt in diesem großen Umfang überhaupt, planst du den kompletten Zyklus von Anfang an durch oder gibt es da bei dir Spielraum für Entwicklungen während des Schreibprozesses?

Torsten Weitze: Hallo und vielen Dank für die Einladung. Nun, bevor ich mit dem Schreiben beginne, baue ich als erstes die Welt – deren Historie, verschiedene Kulturen und ihre Eigenheiten stehen am Anfang jeder Reihe. Darauf setze ich dann den roten Faden der Geschichte, so wie die Haupt- und Nebencharaktere und die Richtungen, in die sie sich jeweils entwickeln. Wenn dieses Gerüst steht, fange ich an zu segmentieren, dass heißt zum Beispiel im ersten Band lernen die Lesenden erst einmal die Welt und die Protagonisten kennen, was an sich schon viel Raum einnimmt. Ich habe aber trotzdem immer noch Freiflächen; wenn ich ein Volk kreiere und ziemlich genau im Kopf habe, wie beispielsweise deren Theologie aussieht und welche kulturellen Bräuche es gibt, bleiben mir dennoch viele Kleinigkeiten, die ich aktiv während des Schreibprozesses gestalten kann, sobald ich in eine Szene hineingehe. Das reicht von einfachen Begrüßungsfloskeln bis zum spezifischen Beschreiben einer Umgebung oder dem Ablauf einer Kampfhandlung, und es macht an diesen Stellen natürlich viel Spaß, sich da hineinzubegeben, ohne schon im Vorfeld alles bis ins Detail durchgetaktet zu haben. Sonst besteht ein wenig die Gefahr, dass man ab einem gewissen Punkt einfach nur herunterschreibt, statt sich aktiv in den kreativen Prozess zu begeben. Und sich damit dann auch den Spielraum nimmt, spontane Ideen einfließen zu lassen.

Man merkt beim Lesen sehr schnell, dass du in deinen Büchern Wert auf ein ausgefeiltes Worldbuilding legst, ebenso bei der Anlage der einzelnen Charaktere. Wie gehst du bei der Gestaltung eines Charakters vor und gibt es unter den Neuzugängen jemanden, der dir besonders ans Herz gewachsen ist?

Torsten: Ja, durchaus. Rurrik ist beispielsweise so ein Charakter, an dem ich gerade sehr viel Freude habe. Zum einen natürlich wegen seiner etwas überschwänglichen, ruppigen Art und dann ist er ein schönes Beispiel dafür, dass ich gerne versuche, bekannte Motive neu zu arrangieren. Bisher gibt es wahrscheinlich wenig Geschichten, in denen Wikinger-Elfen vorkommen, und das verleiht dem traditionellen Bild bekannter Fantasiewesen einen neuen Twist. Ansonsten bin ich tatsächlich schon dabei die Anschlussreihe zu planen und werde im Oktober diesen Jahres mit dem Auftakt dafür beginnen. Der Hauptcharakter dort steht schon sehr lange fest und ich hatte bisher – abgesehen jetzt von der Prinzen-Reihe – immer Zwerge in meinen Erzählungen, da ich selbst ein großer Fan von ihnen bin. Da es aktuell nun eine Zwergenpause gibt, weil diese nicht so richtig ins Wüstensetting passen, kommen in der nachfolgenden Reihe dafür gleich zwei von ihnen vor. Generell kann man aber sagen, dass ich immer versuche starke Charaktere zu bauen und mit ihnen dann auch Verzahnungen zwischen den Geschichten zu schaffen.

Ein Charakter, der sich unter den Fans deiner Bücher besonders großer Beliebtheit erfreut, ist der Drache Grabbelschnack. In „Der Prinz von Staub und Schatten“ hat er neben einigen weiteren Personen aus der Sturmfels Akademie einen kleinen Cameo-Auftritt. War das von Anfang an geplant oder fällt das in gewisser Weise unter Fanservice?

Torsten: Fanservice versuche ich zu vermeiden. Das klingt jetzt hart, aber da verzettelt man sich sehr schnell. Ich bin in der glücklichen Position viele Fans zu haben und dementsprechend passiert es häufiger, dass Wünsche an mich herangetragen werden. Wenn ich einem dieser Wünsche entgegenkomme, müsste ich theoretisch der Gerechtigkeit folgend allen weiteren Wünschen ebenfalls entsprechen. Das würde schnell dazu führen, dass die Geschichten anfangen sich in Richtungen zu entwickeln, die den Verlauf maßgeblich verfälschen. Wenn Cameos vorkommen, dann weil sie an dieser Stelle einen sinnvollen Nutzen für den Plot darstellen. Als kleinen Spoiler kann an ich an diesem Punkt schon verraten, dass Grabbelschnack auch im zweiten Band auftauchen und sogar für eine kurze Zeit Teil der aktiven Handlung sein wird – das bedingt aber einfach seine Rolle und seine Position innerhalb der Geschichte.

Die Handlungen deiner Romane leben von einem gewissen Tempo und einem beträchtlichen Abenteuerfaktor, der die Figuren fordert, gerne und oft auch mal an ihre Grenze bringt. Wie viel Wert legst du auf den realistischen Umgang mit deinen Protagonisten und wie weit gehst du dabei selbst als Autor – Stichwort Charaktertode, zum Beispiel?

Torsten: Auch hier kommt es auf die Sinnhaftigkeit an. Ich werde nie wie George R. R. Martin Protagonisten verschleißen und für den Effekt möglichst spektakulär umbringen, das ist auch nicht meine Art zu Schreiben. Meine Geschichten haben eher einen altruistischen und optimistischen Kern und sollen Mut und Kraft spenden, heißt wenn man meine Bücher zuklappt, soll man sich hinterher besser fühlen. Einen Charakter zu töten, den man über mehrere hundert Seiten aufbaut und liebgewinnt, hat für mich richtig Gewicht und das macht auch sehr viel mit den Lesenden. Das kann wirklich tiefe Trauer auslösen, auch wenn es sich um eine fiktive Person handelt, und da sollte man sich als Autor seiner Verantwortung durchaus bewusst sein. Ansonsten versuche ich auf Handlungsverläufe bezogen immer herzuleiten, warum die entsprechende Person gegen die vorhandenen Widrigkeiten besteht. Viele meiner handelnden Personen sind Aethrim (Träger einer Sigille der Schöpfung), das heißt sie haben schon mal gewisse Vorteile durch ihre besonderen Fähigkeiten. Noch wichtiger ist allerdings, dass sie in Entscheidungsfragen nicht allein sind. Sie haben immer Personen um sich, die sie unterstützen und dementsprechend einen Umgang mit einer Situation schaffen, der sich am Ende nachvollziehbar anfühlt.

Im Rahmen der Leizpiger Buchmesse gab es auf deinen Social Media-Kanälen einige Bilder von tollen Cosplays deiner Figuren zu bewundern. Wie empfindest du solche Momente, wenn Fans so viel Liebe in die Interpretation und Umsetzung von dir geschaffener Charaktere stecken?

Torsten: Mein Autorenherz war vollkommen überwältigt an diesem Tag und ich konnte tatsächlich auch nicht mehr aufhören zu lächeln. Das war das erste Mal, dass ich Cosplays von meinen Charakteren gesehen habe – ich bin einmal Niri und Tarikh als Duo begegnet und anschließend noch einer zweiten Niri und das war wirklich wahnsinnig schön. Man muss ja auch immer bedenken, dass Cosplayer da immens viel Zeit reinstecken und auf so einer Veranstaltung auch immer nur eine begrenzte Anzahl an Figuren verkörpern können. Dass dann jemand hergeht und sich aus der grenzenlosen Fülle an darstellbaren Charakteren ausgerechnet meine Protagonisten aussucht, ist eine unglaubliche Ehre. Das war auf jeden Fall eines dieser besonderen Highlights in meinem Autorenleben, die ich immer mit mir tragen werde.

Lass uns den Bogen zur erneuten Zusammenarbeit mit Saltatio Mortis schlagen. Um kurz nochmal einen Blick auf die Anfänge zu werfen: Kanntest du die Band und die Musik eigentlich schon vor dem „Finsterwacht“-Projekt, oder seid ihr euch aktiv erst durch diese Zusammenarbeit begegnet?

Torsten: Ich kannte tatsächlich im Vorfeld nur den Bandnamen und habe bestimmt den ein oder anderen Song gehört, ohne ihn aber bewusst zu verknüpfen. Durch die „Finsterwacht“ bin ich dann auch relativ schnell ein großer Fan geworden, da sie insgesamt einfach großartige Musik machen und natürlich der persönliche Kontakt sehr viel bewirkt hat.

Inzwischen habt ihr euch zu einem sehr gut funktionierenden Team entwickelt. Wie verhält es sich bei dem neuen Projekt mit der Arbeitsweise, gibt es signifikante Unterschiede und welche sind am ehesten spürbar?

Torsten: Die Zusammenarbeit ist jetzt auf jeden Fall flüssiger. Wir hatten ja während „Finsterwacht“ schon Kommunikationswege etabliert, das heißt die Verbindung bestand bereits und diese Wege sind nun nochmal kürzer geworden. Ansonsten besteht der größte Unterschied auf jeden Fall in dem Rahmen, in dem wir agieren können. DSA ist an sich ist ja bereits relativ alt ist und hat eine sehr dichte Lore, die über Jahrzehnte gewachsen ist. Mit der Reihe um den Prinzen von Staub und Schatten bewegen wir uns auf deutlich mehr Freifläche und haben dementsprechend auch einen größeren Spielraum. Das heißt auch für mich, wenn ich eine schöne Idee habe oder ein Text von einem zukünftigen Song vorliegt und dieser mich inspiriert, dann baue ich da entsprechend etwas in die Handlung ein. Genau so läuft auch die Zusammenarbeit in die andere Richtung – es ist gegenseitige Inspiration mit allen Freiheiten. Wichtig war uns allen von Anfang an, dass die Songs die Geschichte nicht eins zu eins nacherzählen, sondern bestimmte Emotionen und Schlüsselmomente festhalten und die Band daraus etwas musikalisch Eigenständiges formen kann. Ein schönes Beispiel dafür ist „Ich schrei deinen Namen in die Nacht“ – es gibt dafür eine konkrete Szene im Buch, die als Grundlage dient, aber der Song wiederum ist so offen und individuell, dass man ihn auf alle möglichen tiefen Verbindungen ummünzen kann.

Gibt es unter den bisher veröffentlichten Songs auf deiner Seite einen klaren Favoriten, oder wechselt das je nach Stimmung und Tagesform?

Torsten: Das ist tatsächlich immer ein wenig stimmungsabhängig, aber das ist ja auch die Absicht dahinter. „Ich habe keine Angst“ ist ein Mutspender für schwierige und stressige Situationen, „Ein neuer Anfang“ gibt mir Hoffnung und wenn ich Kraft benötige, läuft „Stormbringer“. Generell fühle ich mich emotional mit allen Songs auf einer persönlichen Ebene verbunden, da es im Grunde ja mehr oder weniger um meine Geschichte geht, daher sprechen sie mich natürlich alle auf ihre Art an.

Hörst du generell Musik beim Schreiben oder bevorzugst du die Stille? Und wenn ja, was läuft dann bei dir im Hintergrund?

Torsten: Ich bin so ein Playlist-Chaot, bei mir finden sich Disney-Soundtracks neben Manowar oder auch mal klassische Stücke und Musical-Songs neben Pink und Billy Joel. Beim Schreiben höre ich aber eher selten Musik, wenn dann Instrumentaltracks. Manchmal laufen die Playlisten von Saltatio Mortis nebenher, aber meistens versuche ich ohne Einflussfaktoren in aller Konzentration an dem zu arbeiten, was ich da gerade schreibe. Musik hilft mir wenn dann dabei reinzukommen und wirkt im Vorfeld als Trennmauer, wenn ich es gerade nur schwer schaffe mich von äußeren oder emotionalen Störungen zu lösen.

Gibt es Momente in der bisherigen Zusammenarbeit, die dir jetzt schon besonders im Gedächtnis geblieben sind?

Torsten: Auf jeden Fall. Ich hatte im Oktober letzten Jahres mit einer recht unschönen Situation zu kämpfen und war während dieser Zeit bei einem Saltatio Mortis-Konzert. Nach der Show haben wir uns darüber unterhalten und ich habe von allen einen dermaßen großen emotionalen Rückhalt erhalten, dass ich das niemals vergessen werde. Die Art und Weise wie sie reagiert haben war da für mich persönlich eine große Quelle der Kraft und ich glaube nicht, dass ich jemals dieses Band der Loyalität zerschneiden könnte oder wollte.

Ende Mai erscheinen der zweite Band und die dazugehörige EP. Kannst du uns hier schon den ein oder anderen Ausblick geben, was uns mit „Widerstand“ erwarten wird?

Torsten: Zur Musik kann ich an dieser Stelle jetzt nichts sagen, weil ich der Band da in keiner Weise vorgreifen möchte. Vielleicht nur soviel, dass als nächstes zwei wirklich kraftvolle Songs erscheinen werden, auf die ich mich persönlich sehr freue. Was den Roman angeht wechseln wir in ein Großstadtsetting, in dem Tarikh mit einer Mordserie konfrontiert wird, die es aufzuklären gilt. Viel mehr möchte ich an dieser Stelle allerdings noch nicht verraten – ich bin gespannt und hoffe natürlich, dass es meinen Leserinnen und Lesern genau so gut gefällt wie mir.

Wir bedanken uns für das spannende und tiefgründige Interview und freuen uns schon jetzt auf alles, was noch kommen wird. Der zweite Band von „Der Prinz von Staub und Schatten“ erscheint am 26. Mail 2026 und ist online sowie im stationären Buchhandel erhältlich. Das Hörbuch als auch die EP „Staub & Schatten – Widerstand“ erscheinen am 29. Mai 2026.

Mehr zu Torsten Weitze und dessen Werken findet ihr hier:
www.torstenweitze.de
https://www.instagram.com/torsten_weitze/
https://www.facebook.com/t.weitze

Copyright Fotos by Ramona Karl